BOOKLET – METAMORPHOSE DER SCHUTZHÜTTEN

„Es giest in Strömen, starke Windböen treiben den eiskalten Regen wie eine Wand vor sich her. In dicht aufeinander folgenden Schwällen trifft er auf die Wanderer. Wie Betrunkene taumeln sie den steilen Weg hinauf, hin und her geworfen von den heftigen Böen. Zum Glück erreicht die vor Nässe triefende Gruppe die Hütte, bevor die ersten Blitze zucken. Einige erschöpfte Wanderer legen sich sofort ins Lager, die anderen ziehen sich um und stürmen die warme Gaststube. Bald darauf stehen dampfende Teller und Getränke vor ihnen auf dem Tisch. Die Wangen sind gerötet, lautes Gelächter schallt durch den Raum, Kondenswassertränen laufen in feinen Rinnsalen an den Innenfenstern hinab, während der Regen noch immer wütend auf die Hütte eindrischt und die Schwärze der Nacht von Blitzen zerteilt wird, gefolgt von einem kurzen krachenden Schlag und dumpfem Donnergrollen. Am nächsten Tag ist bestes Wetter – dem Erreichen der anvisierten Gipfelziele steht nichts im Wege. Ohne die gemütliche Hütte hätten sie alle ein sehr ungemütliches Biwak im Freien verbracht.“ (alpinwelt 2/2012, 9).

Eine Geschichte, wie sie sich mehrmals jährlich für Wanderer und Bergsteiger zuträgt. Sie zeigt die Notwendigkeit und Funktion der vielen Hütten in den Bergen. Teilweise seit über 100 Jahren dient die klassische Schutzhütte (einfach ausgestattet bzw. bewirtet und in der Regel nur durch einen längeren Aufstieg erreichbar) als Zwischenstop zur Beherbergung auf Bergtouren und zum Schutz der Bergsteiger vor Wind und Wetter. Sie steht damit mit dieser Sportart und dem individuellen Ort des Zwischenstops in einer festen Verbindung.

Wegen der gealterten Bausubstanz, damit verbundenen höheren Anforderungen an den Bau und Betrieb, ständigem Zuwachs der Bergsportgemeinde und teils gestiegener Ansprüche, müssen immer mehr der Hütten erweitert und modernisiert werden. Zu dieser Thematik wurden in den letzten Jahren vermehrt Beispiele publiziert und Architektur-Wettbewerbe ausgelobt, deren Ergebnisse auf unterschiedlichste Meinungsbilder unter der allgemeinen Bevölkerung, Heimatschützern, Bergsportlern und nicht zuletzt Architekten treffen. Neben den technischen und ökonomischen Anforderungen an Berghütten durch ihre autarke Insellage, ohne Anschluss an Versorgungssysteme und Infrastruktur, drängt sich besonders auch die Frage der richtigen Umgangsweise in der Architektur auf.

Wie ist der richtige Umgang mit dem sensiblen hochalpinen Ort, der Natur, Tradition und Moderne? Welchen Einfluss haben ökonomische und ökologische Kriterien? Lässt sich außerdem eingrenzen auf Umbau oder Ersatzbau im Bezug zu den veränderten Anforderungen? Hat sich das Nutzerprofil verändert?

Die Alpen und deren Natur stellen einen so präsenten, kräftigen und dennoch sensiblen Ort dar, der durch enorme bauliche Eingriffe seine Qualität verliert. Im Sinne des Bergsports und der Schutzhäuser steht dabei die Natur der Berge im Fokus, weshalb sich das Schutzhaus einer integrativen Auseinandersetzung mit dem Ort verpflichtet. Dies lässt sich durch Materialisierung und Formgebung, in Abhängigkeit der natürlichen Einflüsse steuern.

Es besteht der dringende Bedarf einer Weiterentwicklung der Schutzhütten, sowohl aus ökonomischer, ökologischer Sicht, als  auch im architektonischen Bezug. Wie die gesamte moderne Welt beschleunigt sich auch die architektonische Entwicklung rapide. Problematisch dabei ist, dass häufig Gestaltungsansätze nicht mehr hinterfragt werden. Es entsteht sogar der Eindruck, dass die hochalpine, solitäre Baulage zu grossen Teilen als Versuchslabor beziehungsweise als Spielwiese für formalistische Experimente verstanden wird. Eine von Fremdkörpern, Parasiten und Geschwüren geplagte hochalpine Landschaft, deren Natur nur noch den Rahmen für neue, futuristisch anmassende Baueingriffe bildet. Autarke Maschinen, die primär alle Hauptparameter erfüllen, um der Insellage in den Alpen trotzen und Luxusbedürfnisse erfüllen zu können. So könnte das zukünftige Szenario aussehen, würde sich diese architektonische Haltung weiter etablieren und verbreiten.

 

„Die Alpen und deren Natur stellen einen so präsenten, kräftigen und dennoch sensiblen Ort dar, der durch enorme bauliche Eingriffe seine Qualität verliert.“

Zweifellos unterliegt auch die Architektur einer konstanten Weiterentwicklung, welche eine Evolution der ästhetischen Erscheinung beinhaltet. Demnach kann zeitgenössische Schutzhüttenarchitektur keineswegs mehr dem alpinen Bauen vor hundert Jahren gleich sein. Dieser Anspruch wäre besonders im Sinne des baulichen Fortschritts zu nostalgisch und degenerativ. Die Tradition des alpinen Bauens ist eng mit der Entwicklung des Bergsports verbunden. Daher muss ein besonderes Interesse darin bestehen, diese zu wahren bzw. sich mit ihr in der architektonischen Konzeption auseinanderzusetzen. Im modernen Bauen könnte dies eine Interpretation der Vergangenheit von Schutzhütten bedeuten, jedoch keinesfalls eine Imitation. Wie schon bei dem Schweizer Architekten Jakob Eschenmoser spielen dabei die Form, Materialisierung, Konstruktion wie auch die Innenraumgestaltung eine tragende Rolle. Konstruktiv sollte die Hütte zügig und wirtschaftlich hinsichtlich der Transportkosten und saisonalen Arbeitszeiten errichtet werden können. Die Individualität des einzelnen Ortes, als städtebauliches Umfeld betrachtet, sowie dessen natürliche Einflüsse bleiben jedoch die wichtigsten Parameter für einen modernen Schutzhüttenbau, um diesen nachhaltig mit dem Ort zu vernetzen.

Bild: Wetterumschwung Mädelegabel, Allgäuer Alpen

Bei der Fragestellung zwischen Umbau oder Ersatzneubau einer Hütte muss, unter Berücksichtigung der ökologischen aber besonders der ökonomischen Qualitäten, untersucht werden, in wie weit die Hütte gegebenenfalls erhalten werden kann. Dabei sind die mögliche Erweiterbarkeit des bestehenden Gebäudes ein ebenso entscheidender Faktor, wie dessen bauphysikalischer Zustand. Grundlegend gilt es erhaltenswertes soweit möglich zu erhalten, aber auch bauliche Innovation zu schaffen. Ökologische Qualitäten, welche zu einem Großteil die Hüttentechnik bezüglich der Insellage umfassen, sind zwar vom Gebäudeentwurf und Ort beeinflusst, lassen sich jedoch unterschiedlich kombinieren. Eine effiziente Lösung des Gebäudes muss deshalb kein Bauwerk sein, dessen technische Problemstellung den einzigen Entwurfsparameter darstellt, vielmehr verlangt es nach einem gelungenen Zusammenspiel der beteiligten Planer aus ökologischer, ökonomischer und architektonischer Sicht.