BOOKLET – KULTIVIERUNG DER IDENTITÄT

Das unbeschwerte Leben inmitten von wilder und unberührter Natur lockt heute viele Aussteiger in das von hohen, felsigen und steilen Hängen eingerahmte Val Calanca im Süden Graubündens. Lange Zeit war dort durch die starke Abwanderung, Überalterung und fehlende Perspektiven in der Landwirtschaft eine gewisse Resignation in der Bevölkerung zu spüren. Als Tiefpunkt des voranschreitenden Identitätsverlustes könnte man eine Studie der ETH Zürich aus dem Jahre 2005 bezeichnen, in welcher dieses Tal als ein Musterbeispiel einer „Alpinen Brache“ dient.

„Dies sind Zonen des Niedergangs und der langsamen Auszehrung. Ihr gemeinsames Merkmal ist eine anhaltende Abwanderung“, heißt es in der Studie. Weiterhin sind diese Regionen überwiegend von autarken und lokalen Netzwerken geprägt und durch topographische Gegebenheiten von den Metropolregionen der Alpen abgegrenzt. Provokativ könnte man sagen, dass diese Regionen aufgrund ihres immer weiter andauernden wirtschaftlichen und sozialen Verfalls zum Aussterben determiniert sind.

„Wenn Alpine Brachen zu urbanen Müllkippen verkommen, in denen andernorts unerwünschte Nutzungen abgelagert werden, verlieren sie unwiederbringlich ihr mögliches Potential für zukünftige Generationen“ (Die Schweiz – ein städtebauliches Portrait – ETH 2008)

 

Da sich die Studie größtenteils jedoch mit der Analyse beschäftigt fehlt hier ein konkreter Lösungsvorschlag, was gerade in der Bevölkerung des Calancatals auf Kritik und Unverständnis trifft.

Welche Zukunft haben unsere rural geprägten Alpentäler heute?

Die pauschalen Standartlösungen des Tourismus (z.B. Skiressort, Freizeitpark, etc. ) sind hier nur schwer umsetzbar ohne die Kultur und Identität des Ortes zu verändern.

Die Subventionierung des reinen Erhalts hat in der Zukunft keine Berechtigung mehr. Eine Alpine Brache darf nicht erhalten werden, sie muss gezielt gefördert werden, um sie nicht nur zu bewahren, sondern auch für die zukünftigen Generationen wirtschaftlich überlebensfähig zu gestalten. Gerade in einer zunehmenden urbanisierten Schweiz ist es wichtig diese Zonen als Gegenpole zu den städtischen Agglomerationen zu bewahren. Einen deutlichen Kontrast zu der zunehmenden Monotonie der urbanen Zonen können diese Alpenregionen bereits jetzt bieten.

Die Wertschöpfung von Kultur und Natur muss wieder in den Städten wachsen.  Nicht nur der Erhalt dieser raren Güter muss dem Menschen bewusst werden, sondern auch das Erkennen und Pflegen dieser Potentiale.

 

  1. Differenzierung durch Einheit

Unter dem übergeordneten Bild des „Calancatals“ müssen gemeinsame Ideen und Strukturen entstehen. Grenzen müssen überwunden werden, jedoch ohne die Identität zu zerstören. Ein regionales Ressourcenmanagement entwickelt daraus ein für den Ort passendes Leitbild. Diese Grundlage fehlt im Calancatal noch, da die Kommunen nicht ganzheitlich zusammenarbeiten. Eine Fusion aller Gemeinden muss langfristig verwirklicht werden. Das Naturparkprojekt zeigt wie diese Basis aussehen könnte und setzt auf eine starke regionale Vernetzung.

  1. Impulse

Die Bewohner des Tals kennen ihre Natur- und Kulturraum am besten, daher müssen sie auch die Impulsgeber sein. Ideen, wie das Käsereiprojekt in Cauco sind zukunftsfördernd und gehen vom Tal aus. Ein Impuls muss einen Mehrwert für die ganze Region aufweisen. Es muss ein Paradigmenwechsel weg von den „erhaltenden“ Subventionen und hinaus aus der Resignation hinzu neuen kreativen Projekten kommen. Die Verteilung der Gelder muss in Zukunft zielgerichteter sein und Impulsgeber und Ideen fördern.

  1. Nachhaltigkeit

Konzepte müssen auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein und nicht nur auf wirtschaftliche Gewinnmaximierung, wie es beispielsweise in den Ressorts der Fall ist. Die Geschichte des Calancatals ist von einer naturverbunden Lebensweise geprägt und gerade auf diese Qualitäten gilt es aufzubauen. Ein innovatives Nachdenken über die Umnutzung und Erweiterung von vorhanden Potentialen bildet die Grundlage für eine nachhaltige Planung.

  1. Ort

Die Modernisierung einer Alpinen Brache erfordert zurückhaltende und dem Ort angepasste Interventionen. Genauso muss die Frage der Eingriffe direkt mit den Bewohnern erörtert werden. Die unverwechselbare Topographie des Calancatals muss sich auch in der Architektur widerspiegeln. Die Verwendung örtlicher Materialien wie Gneis und Holz ist äußerst nachhaltig, kostensparend und der Identität des Ortes angepasst. Das Analysieren der traditionellen Bauformen im Tal kann die Grundlage für eine erfolgreiche Interpretation und Weiterentwicklung sein.

  1. Bewohner

Die Kulturlandschaft des Calancatals braucht seine Bewohner und diese wiederum brauchen das Tal, den die zunehmende Urbanisierung braucht sein Gegengewicht in Form dieser Naturräume. Das Tal darf nicht zu einem kultiviertem Naturpark werden, in dem nur noch ein Ensembleschutz betrieben wird. Es muss wieder zu einem Ort mit eigener Wirtschaftskraft werden, der den Menschen die nötige Lebensgrundlage bietet. Dazu gehört auch die Bereitstellung von geeignetem Wohnraum und einer angepassten Infrastruktur.

 

Wir als Architekten und Planer haben die Aufgabe Impulse zu fördern Potentiale zu erkennen. Dabei ist ein auf Nachhaltigkeit ausgerichteter Umgang mit dem Ort und seinen Bewohnern oberstes Leitziel.